
Den Kelly-Anorak habe ich schon einige Male genäht- leider die ersten Male nur in meiner Phantasie. Denn sobald ich einen interessanten Schnitt sehe, beginnt mein Kopf-Kino zu arbeiten: wie würde ich das nähen? welcher Stoff eignet sich dafür, habe ich einen Stoff im Vorrat, wo habe ich einen passenden gesehen? Steht mir der Schnitt, oder kann ich mir das Teil gar nicht an mir vorstellen?
Als der Schnitt für den Kellyanorak im letzten Herbst veröffentlicht wurde, war ich sofort begeistert. Die großen Taschen, die Kapuze, der Kordelzug in der Taille, das gefiel mir alles sehr gut. Ich hätte ihn gerne sofort genäht, aber mein Kopf-Kino wurde zunächst gebremst: der Schnitt ist ungefüttert, und der deutsche Winter nahte- keine gute Kombination.

Die Designerin und Bloggerin von ClosetCase hatte diese Gedanken wohl gespürt und veröffentlichte kurz darauf eine Version des Anoraks mit Futter, allerdings nur eine Fassung, bei der der Außenstoff mit einem Futterstoff gedoppelt wird und das ganze wie eine Stofflage verarbeitet wird. Das kann man natürlich machen, aber mittlerweile (wir waren jetzt im Winter) schwebte mir in meiner Phantasie eher eine wasserdichte Version vor, aus einem Funktionsstoff. Wenn so ein Anorak wasserdicht werden soll, muß man aber auch die Nähte abdichten, und das geht bei dieser Version natürlich nicht mehr. Also. Kopfkino erst mal wieder abgestellt, und andere Dinge genäht…
Zum Frühjahr hin war ich mir dann wieder sicher, genau diesen Anorak zu benötigen. Ein wasserdichter Stoff, oder beschichtete Baumwolle sollte es werden, das Futter vielleicht aus Flanell, und den Futterschnitt würde ich selbst konstruieren- das war so die Version in den kühnsten Träumen.
Ich habe mir dann viele , viele Stoffproben schicken lassen. Bei der Farbe war ich mir auch sicher, denn er sollte blau werden, aber keinesfalls dunkelblau oder marine, sondern ein zartes Mittelblau, irgendwas zwischen taubenblau und jeansblau…

Wer schon mal einen bestimmten Stoff in einer bestimmten Farbe gesucht hat, ahnt was jetzt kommt. Natürlich habe ich diesen Stoff nicht gefunden. Die Funktionsstoffe waren sicher super in ihrer Funktion, fühlten sich aber furchtbar nach Plastik an und rochen auch so- nein, so etwas wollte ich nicht auf meinem Nähtisch haben. Beschichtete Baumwolle gibt es durchaus, aber nicht in der Farbe und Qualität , die ich wollte. Und ein unbeschichteter Baumwollstoff? Lange habe ich auch hier gesucht, nach einem Twill oder Canvas. Gibt es reichlich, in beige, schwarz, braun , grün oder marine- aber keine Farbe, die mir gefiel.
Bevor ich dann erneut die Lichter in meinem Kopfkino wieder ausschaltete, schaute ich nochmal auf den Blog von Closetcase. Hier gab es wirklich einen ausführlichen Artikel zu Stoffwahl für Kelly, als der ideale Stoff wurde ein Baumwolltwill von Robert Kaufmann erwähnt. Eher aus Langweile folgte ich dem Link auf die Seite von fabric.com, ein amerikanischer Stoff-Onlinehandel. Und da war der Stoff: ein weicher Baumwolltwill, und in allen erdenklichen Farben! Ein Blau gefiel mir schon, aber dann war da dieser fliederfarbene Stoff…flugs wurde das Programm im Kopfkino geändert, und ich wollte jetzt unbedingt einen fliederfarbenen Anorak nähen.

Eine Weile versuchte ich am Rechner, einen europäischen Händler für diesen Stoff zu finden, aber ohne Erfolg. Also in den USA bestellen? Nun ist Stoff bestellen in den USA einfach, bezahlen auch, nur über die Lieferung liest man immer wieder Schreckgeschichten auf den Blogs. Da wird von langen Lieferfristen berichtet, von Abholungen auf Zollämtern, horrenden Zollgebühren, unfreundliche Zollbeamten. Aber was tut man nicht alles für den idealen Stoff für ein lang geplantes Nähprojekt? Kurz checkte ich noch mal die Öffnungszeiten des Hanauer Hauptzollamtes, fand sie zumindest freitags mit meinen Arbeitszeiten kompatibel- und bestellte den Stoff in den USA.
Das ganze war Freitag abend, Mittwochs wurde mein Stoff geliefert.

Unser wie immer wortkarge UPS-Bote brachte mir das Päckchen an die Haustür, wollte 9 Euro Einfuhrumsatzsteuer dafür kassieren, die ich ihm natürlich gerne gab. Ein Brief von UPS wenig später brachte mir Klarheit: anscheinend fällt bei Sendungen in einem Warenwert unter 150 € nur eine Einfuhrumsatzsteuer von 19% an, die üblicherweise wohl von den Paketdiensten vorgelegt wird. Also nichts mit Zollamt, dafür eine Lieferfrist, von der manche deutsche Onlingeschäfte nur träumen können.
Der Preis des Stoffes hielt sich durchaus im Rahmen, da die Stoffe in den USA so günstig sind, auch wenn das Porto und die Steuer dazu kommen. Über die ökologische Bilanz dieses Transportes mag ich jedoch nicht nachdenken. Dieser Stoff ist ja auch nicht in Amerika hergestellt, sondern vermutlich in Fernost, dann von da nach den USA, und dann nach Deutschland zu mir geflogen worden. Also einmal eine Reise um die halbe Welt, nur damit ich mir einen fliederfarbenen Kelly-Anorak nähen kann..

Der Stoff ist aber schon sehr schön. Fest, dicht gewebt, dabei ganz weich- ich habe selten so einen schönen Stoff in der Hand gehabt. Und so ein schöner Stoff verlangt nach einer schönen Verarbeitung, und so war mir bald klar, daß ich die Nähte mir einer Hongkong-Einfassung aus einem Liberty-Schätzchen verarbeiten würde. Und irgendwie mußte ich ja auch das Blumen-Thema des heutigen Memade-Mittwochs aufgreifen…

Der Libertystoff war auch schon angeschnitten, da ich die Innentaschen meiner Ginger-Jeans daraus gearbeitet hatte. Und wer genau hinschaut, sieht daß ich den Rand des Untertrittes damals auch mit einer Hongkong-Einfassung versehen hatte, auch wenn ich damals noch gar nicht wußte, daß das so heißt.

Bis vor kurzem war es mir nicht klar, daß es verschiedene Techniken gibt, eine Nahtzugabe mit Stoff schön dekorativ einzufassen. Ich kannte das Ergebnis von hochwertiger Kaufkleidung, und fand es immer schon sehr schön.
Auch hier half mir der Blog von ClosetCase weiter, denn es gibt einen ausführlichen Bericht über die verschiedenen Techniken. Ein Weg ist das Einfassen mit einem vorgefalteten Schrägband, das man, wie auch immer, um den Nahtzugabenrand befestigt. Der einfachere Weg ist das Hongkong- Finish: der Schrägstreifen, ungefalzt, wird rechts auf rechts auf der Nahtzugabe genäht, um die Nahtzugabe herumgelegt und im Nahtschatten nochmals festgenäht. Optimalerweise läuft zwischendurch auch noch ein Kontakt mit dem Bügeleisen ab. Die umgeschlagene Kante des Schrägbandes bleibt bei dieser Version unversäubert, dewegen geht das auch nur bei Nähten, die nochmals abgesteppt oder festgenäht werden, und das ist bei diesem Anorak fast durchweg der Fall.

Lediglich die Ärmeleinsatznaht wird nicht abgesteppt, und hier habe ich dann wirklich den Schrägstreifen vorher durch den Schrägbandfalter gejagt und die Nahtzugabe dann mit dem gefalteten Schrägband gebunden. Vorher hatte ich allerdings diese Kante noch mit der Overlock versäubert, da ich meinem zierlichen Schrägband nicht so recht die Haltefunktion zutraute.

Mir hat diese Art der Nahtversäuberung unglaublich viel Spaß gemacht. Natürlich ist es mehr Arbeit als nur mit der Overlock über die Nahtzugaben zu rattern. Aber es ist so viel schöner, und es macht einfach Freude, ein hochwertiges Kleidungsstück zu produzieren.

Das Nähen des Anoraks war kein besonderes Problem- so würde ich gerne etwas hochtrabend berichten, trifft aber natürlich nicht zu. Aber es ist machbar, ich würde sagen für jeden, der darauf Lust hat, sich Mühe gibt und Zeit nimmt und einen ambitionierten Nahttrenner besitzt…
Nein, so schlimm war es wirklich nicht. Der erste Schreck sind natürlich die vielen Teile, die alle ihren Platz finden müssen. Aber es ist ein guter und professioneller Schnitt, alle Teile haben die erforderlichen Bezeichnungen und Paßzeichen.

Die Anleitung ist hervorragend , und für die schwierigen Stellen gibt es Artikel auf dem Blog von Closet Case, in denen sie erklärt werden.
Neu waren für mich die Beutel-Taschen, und natürlich der Reißverschluß, der ordentlich mit Beleg und Blende eingefaßt wird.

Die Hardware, also Reißverschluß, Knöpfe und Ösen waren übrigens das, was durchaus ins Geld ging. Ich glaube, der Betrag, den ich im Kurzwarengeschäft gelassen habe, entsprach in etwa dem Preis des Stoffes. Hätte man sicher online auch günstiger bekommen, aber wenn man eine Kordel im gleichen Roseton wie den Reißverschluß sucht, braucht man schon ein „richtiges“ Geschäft.
Das Einschlagen der Druckknöpfe war völlig problemlos, ich hatte hier die Anorak-Druckknöpfe von Prym verwendet. Meine Hauptschwierigkeit bei den ersten Knöpfen war das Stanzen des Loches in den Stoff, da der mitgelieferte kleine Stanzzylinder dafür meiner Meinung nach völlig ungeeignet ist. Das hat mich zum Kauf einer Ahle geführt- gibt es übrigens nicht im Baumarkt, wo ich zuerst danach gesucht hatte, sondern wirklich im Nähgeschäft. Die Ahle bohrt das Loch wunderbar vor, und zwar durch ein Auseinanderdrängen der Fasern, also fast ohne größere Verletzungen des Stoffes. Das war schon ein tröstender Gedanke, denn immerhin führt man diese Prozedur am fertigen und wunderschönen Kleidungsstück aus, und mir fiel es richtig schwer, die schöne Knopfleiste zu durchlöchern. Aber ich denke, es hat sich gelohnt, es macht den Anorak doch etwas „professioneller“ vom Aussehen her.

Genäht habe ich Größe 10, ohne Änderungen. Auf ein Probeteil hatte ich großzügig verzichtet, denn ich hatte ja bereits den Mantel Clare von Closet Case genäht, der mir gut paßt. Kelly ist auch nicht sehr paßformsensibel, da die Taille durch den Kordelzug beliebig gerafft werden kann.

Die Kapuze paßt mir gut und kann durch zwei Knöpfe verschlossen werden.

An den Ärmeln habe ich noch einen zweiten Druckknopf weiter innen angebracht, damit ich die Ärmel notfalls weiter verschliessen kann. Das hat sich beim Fahrradfahren schon bewährt, damit der Fahrtwind nicht so von vorne in die Jacke hineinwehen kann.


Insgesamt bin ich sehr , sehr glücklich mit meinem neuen Anorak. Und natürlich auch stolz, das gebe ich gerne zu, denn ich habe ein wunderschönes Kleidungsstück hergestellt, das keiner außer mir so besitzt, und dabei so manche Schwierigkeiten erfolgreich gemeistert. Das Nähen von Jacken oder auch Mänteln hat doch noch mal eine andere Dimension beim Nähen als das Herstellen von T-Shirts, Hosen oder Kleidern, finde ich…irgendwie dachte ich doch immer, daß man diese Domainen der Kaufklamottenhersteller nicht so ohne weiteres würde erobern können. Umso schöner, wenn es doch gelingt!

Das Shirt ist übrigens einer meiner ersten genähten T-Shirts. Ein Knotenschnitt, wie es damals so modern war, von derSchnittquelle. Eigentlich ein schönes Shirt, allerdings ist der Stoff 100% Polyester, und ich schwitze sehr leicht darin, deswegen trage ich es nicht gerne.
Was zeigen denn die anderen Selbermacherinnen heute? Ich freue mich heute auf viele geblümte Inspirationen auf dem Memademittwoch
Schnitt: Kelly-Anorak von ClosetCase, Gr. 10
Stoff: Robert Kaufmann Ventana Twill Light purple
