
In meinem Stoffvorrat lagert seit vielen, vielen Jahren ein großes Stück Softshell, 100% Polyester.
Ich will jetzt nicht behaupten, daß ich nicht wüßte, wie das Stoffstück in meinen Stoffschrank geraten war. Ich hatte den Stoff gekauft, im hiesigen Nähgeschäft, muß mir also durchaus über Haptik und Zusammensetzung im klaren gewesen sein. Zu meiner Ehrenrettung kann ich nur sagen, daß es zum Zeitpunkt des Kaufes, vor 5 oder 6 Jahre? noch nicht die Auswahl an hochwertigen Outdoorstoffen gab, die wir jetzt in den einschlägigen Stoffshops im Internet haben, oder sie waren mir zumindest nicht bekannt. Ich glaube, ich wollte mir damals schon ein Jacke nähen, aber die Planung ging nie über das Stadium des Stoffkaufes hinaus. Mir wurde dann auch bald klar, daß ich das gekaufte Material nicht so gerne mochte. Die Außenseite war ja ganz ansprechend mit diesem imitierten Jeanslook, aber die Innenseite mit dem Polyester-Fleece- da bekam ich schon beim Anschauen Schweißausbrüche.

Also, der Stoff lag im Regal, und ich brauchte eine wasserabweisende Jacke für die Übergangszeit. Ich wollte dem ungeliebten Stoff jedenfalls eine Chance geben, und sei es nur als tragbares Muslin für eine eventuell später zu nähende Jacke aus einem schöneren Stoff- ich dachte da an einen der schönen Oilskins, die es jetzt in so tollen Qualitäten gibt.
Die Schnittauswahl war recht einfach- den Klassiker der Softshelljacken, die Susan von Pattydoo, hatte ich rasch für mich ausgeschieden. Ich wollte weder drölfzig A4-Seiten für den Schnitt zusammenkleben noch mich mit einer Anleitung beschäftigen, die ausschließlich aus einem Video besteht.

Also mußte es die Tosti-Jacke von Waffle Patterns sein, ein Schnitt, den ich schon ganz lange bewundere. Tosti ist eine typische Outdoor-Jacke mit den entsprechenden Taschen- das ist ja sowieso eines der Markenzeichen der holländischen (oder eigentlich japanischen) Designerin Yuki, daß sie eine unglaubliche Vielzahl von Taschenoptionen an ihren Schnitten offeriert. So kann man bei Tosti zwischen verschiedenen aufgesetzten Taschen für das Vorderteil wählen, Brusttaschen, Ärmeltaschen, Taschen mit oder ohne Reißverschluß. Das Highlight ist natürlich die Paspeltasche, die innen im Vorderteilbeleg eingearbeitet ist. Das war glaube ich auch das Detail, in das ich mich zuerst bei diesm Schnitt verliebt hatte.

Sonst ist der Schnitt klassisch: das Rückenteil hat Teilungsnähte, im Vorderteil gibt es einen Brustabnäher. die Ärmel sind geteilt, aber horizontal in Ellbogenhöhe. Verschlossen wird die Jacke mit einem Zweiwegereissverschluss, die Kapuze ist abknöpfbar. Der Schnitt ist gefüttert, es gibt selbstverständlich einen extra Futterschnitt.

Ich schreibe jetzt hier, daß es „selbstverständlich“ einen Futterschnitt gibt- ja , ich denke, es gibt einige Dinge, die man von einem gutgemachten und entsprechend hochpreisigen Schnittmuster erwarten kann. Alle diese Erwartungen werden von diesem Schnitt erfüllt. Die Anleitungen bei Wafflepatterns sind zwar knapp, aber treffen alles immer genau auf den Punkt. Die Grafiken in der Anleitung sind einfach toll, schon deshalb lohnt sich der Kauf des Schnittes.

Ich habe Größe 40 gewählt, eine Größe oberhalb der nach meinen Maßen zutreffenden Größe, und den Schnitt um 5 cm verlängert. Viele Näherinnen berichten darüber, daß die Jacke eher knapp ausfällt. Sonst habe ich nichts geändert, ich hatte das ganze ja auch eher so als Probemodell geplant. Und so hatte ich das Futter auch nicht schon zu Beginn zugeschnitten, sondern ich wollte erst mal warten. Wenn das Modell gut werden würde, nur dann würde ich dem Innenleben mit einem Libertystoff eine entscheidende Aufwertung zukommen lassen- und wenn nicht, irgendeinen Futterstoff dafür nehmen.
Ich hatte mich im Vorfeld über die Verarbeitung von Softshell belesen und wußte schon, daß man den Softshell ganz normal nähen kann, aber am besten weder Stecknadeln verwenden noch heften solle. Bügeln sei auch nicht so angebracht bei diesem Material. Also alles, was mir beim Nähen Spaß macht, sollte ich diesmal vermeiden- na gut, nach einigen Monaten Lockdown ist man ja in der Technik der Spaß-Vermeidung durchaus geübt.

Die Jacke entstand übrigens größtenteils auf einem Nähwochenende, das pandemiebedingt digital stattfand. An dieser Stelle nochmals ein großes Lob und Dank an @nahtzugabe5cm und @popchrissy für Idee und Durchführung dieses Events. Ich war überrascht, wie gut die Digitalisierung auch eines Nähtreffens funktionieren kann..muß allerdings zugeben, daß ich von meinem Projekt ziemlich absorbiert war, so daß ich vermutlich nicht alle Finessen des Events mitbekommen habe.

Denn so eine Jacke ist schon ein aufwendiges Projekt und erfordert eine gewisse Konzentration, vor allem wenn es dann um so diffizile Tätigkeiten geht wie das Auseinanderhalten des rechten und linken Vorderteiles. Ist ja nicht so ganz trivial, wie rum der Reißverschluss und das entsprechende „Placket“ eingenäht wird.
Meinen ungeliebten Softshell konnte ich eigentlich ganz gut verarbeiten. Über das Verbot von Stecknadeln habe ich mich bald hinweggesetzt, denn mit den Wonderclips alleine kam ich nicht zurecht. Es entstanden wirklich kleine Einstiche durch die Stecknadeln, aber die liessen sich durch heißen Dampf beim Bügeln wieder schliessen oder jedenfalls verringern. Und mit heißem Dampf habe ich dann viel gearbeitet. Ja , Softshell läßt sich nicht richtig bügeln, aber durch Bügeln, Dampf und Druck läßt sich durchaus eine gewisse Formänderung des Stoffes erreichen. Ich hatte anfänglich ja große Bedenken, weniger wegen des Stoffes als eher um die Beschaffenheit meines Bügeleisens, aber völlig unbegründet. Mein Fazit: man kann Softshell bügeln, solange man nicht so exakte Ergebnisse wie z.B. mit einem schönen Wollstoff erwartet.

Die Nähte habe ich alle von rechts nochmals abgesteppt, damit sie flach liegen, die entstehende Doppelnaht fand ich auch ganz hübsch zur erwünschten Jeans-Optik. Schwierig wurden natürlich die diversen Taschen. Bei den Reißverschlusstaschen im Vorderteil hatte ich den Softshell mit einer dünnen Futtereinlage verarbeitet, um den Reißverschluss halbwegs sauber einzunähen. Die Tasche hat eigentlich eine sehr hübsche Falte für einen 3D-Effekt, das kam bei mir dann nicht mehr so sauber raus. Auch die Paspeltasche im Vorderteilbeleg ist nicht so ganz exakt gearbeitet, aber ich kann mit dem Ergebnis gut leben.

Sehr angetan war ich von der Paßform der Jacke. Ich habe bis auf die Verlängerung des Schnittes nichts angepaßt und war schon bei der ersten Anprobe sehr zufrieden mit dem Schnitt. Gut, der Brustabnäher sitzt etwas zu hoch, aber ich hatte ehrlich gesagt erst beim Zuschneiden realisiert, daß der Schnitt einen Abnäher hat und war dann zu faul, ihn noch zu verlegen. Insgesamt stört das aber nicht, finde ich. Ich hatte ja auch schon mal den Kellyanorak von Closetcore genäht, und im Vergleich zu Kelly hat diese Jacke eine etwas schmalere Schnittführung, die mir gut gefällt. Deshalb entschied ich mich dann auch dafür, das Futter aus einem geliebten Libertystoff zu zu schneiden. Ich hatte aus diesem Stoff, Thorpe, schon eine Bluse genäht und unmittelbar nach Fertigstellung der Bluse den Stoff nachbestellt, weil ich ihn so schön fand. Offensichtlich eine sehr spezielle Form der Stoffverarmungsangst, die mich da befallen hat- aber man weiß doch heutzutage wirklich nicht, wie lange und wo man Stoffe einkaufen kann!

Eine Jacke zu nähen ist ein aufwendiges Projekt, und gerade die finalen Schritte, Absteppung, Nähte, Knöpfe, das sind alles Tätigkeiten, die nochmals einiges an Zeit benötigen. Bei den letzten Absteppungen kam meine treue Nähmaschine an ihre Grenzen, auch Schweizer Präzision hilft bei 6-8 Lagen Softshell übereinander nicht unbedingt weiter. Aber sobald es mir gelungen war, die Stoffschichten irgenwie unter den Nähfuß zu bringen, hat sie durchaus pflichbewußt versucht zu nähen. Und den Verlust von drei zerbrochenen Nadeln kann ich verschmerzen- die Nähgeschäfte hatten zwischendurch ja wieder mal offen und ich hatte den Nadelvorrat grade reichlich aufgestockt. Druckknöpfe einschlagen gehört nicht unbedingt zu meinen Vorlieben, aber auch das bekomme ich mittlerweile hin- es ist wie gesagt nicht meine erste Jacke.

Tosti ist jetzt seit einigen Wochen in Gebrauch, und ich bin sehr zufrieden mit dieser Jacke. Sie trägt sich hervorragend, wärmt durchaus und ist zumindest wasserabweisend. In einem richtigen Regenguß habe ich sie noch nicht getragen, ich fürchte aber, daß dann die Nähte undicht werden und die Feuchtigkeit in die Softshellinnenseite läuft. Die Taschenlösungen haben sich bewährt, die Reißverschlußtaschen sind gut für die Hände und/oder Handschuhe, und in der Innentasche findet das Handy seinen Platz.
Im Vergleich zu meinem Kellyanorak von Closetcore finde ich die Tosti-Jacke etwas eleganter, falls man bei diesen Outdoor-Jacken überhaupt von Eleganz reden kann. Aber Kelly hat für mich eher etwas sportliches, wahrscheinlich durch den Kordelzug in der Taille. Und auch wenn ich die Closetcore-Schnitte wirklich gerne mag- ich glaube, daß Yuki von Waffle Patterns die sorgfältigere Schnittdesignerin ist. Vielleicht kommt mir auch einfach diese Detail-Verliebtheit in Kleinigkeiten wie diverse Taschen mehr entgegen.
Und am meisten freue ich mich darüber, daß ein ungeliebter Stoff seinen Weg zu einem alltagstauglichen Kleidungsstück gefunden hat. Ich blicke auf meinen Stoffvorat oft mit Wohlgefallen und Freude, aber manchmal auch mit Sorge- natürlich macht es keinen Sinn , die Stoffe nur im Regal zu stapeln und nicht zu gebrauchen. Mein Vorsatz für dieses Jahr war , weniger Stoff neu zu kaufen und eher die alten Vorräte zu verwenden, diese Jacke ist dafür ein schönes Beispiel.
Alle anderen Näöhprojekte des letzten Monats, aus alten und neuen Stoffen, zeigt die Galerie des Memade-Mittwochs– danke an die Crew, daß sie uns jeden Monat aufs neue diese Plattform bereit stellt!




















































































































